Der entwicklungspolitische Journalismus muss sich öffnen!

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Image: Medien als Spinnennetz
Gebraucht wird faire, kritische Berichterstattung

Es gibt im Grunde keinen Flecken mehr auf dieser Erde, über den man sich im World Wide Web nicht schlaumachen kann. An Informationen mangelt es längst nicht mehr, entwicklungspolitische Medien können da nicht mehr viel hinzufügen, dafür werden sie nicht mehr gebraucht. Ihre Aufgabe besteht heute darin, Orientierung zu schaffen in diesem Überangebot an Information.

 

Wer in England in der Entwicklungszusammenarbeit tätig ist, hat es derzeit nicht leicht. Seit dem Brexit feuert die britische Boulevardpresse aus allen Rohren gegen Entwicklungshilfe und internationale Kooperation. Statt das Geld korrupten Potentaten in Afrika oder geschäftstüchtigen Consultants in den Rachen zu werfen, solle damit besser das marode britische Gesundheitssystem auf Vordermann gebracht werden, poltern Blätter wie der „Daily Telegraph“. Der frühere britische Außenminister David Milliband sah sich unlängst gezwungen, für die internationale Zusammenarbeit Partei zu ergreifen und darauf hinzuweisen, dass das britische Budget für Entwicklungspolitik viel zu klein sei, um damit das Gesundheitssystem zu sanieren.

Erfolgsgeschichten?

Auch beim Overseas Development Institute (ODI) in London sorgt man sich um den Ruf der Entwicklungszusammenarbeit. Es müssten mehr Erfolgsgeschichten erzählt werden, rät ODI-Mitarbeiterin Elizabeth Stuart. Bei einem Journalisten wie mir, der seit vielen Jahren die Entwicklungspolitik beobachtet, beschreibt und kommentiert, läuten da sämtliche Alarmglocken. Mehr Erfolgsgeschichten? Das klingt nach geschönten Projektberichten, in denen glückliche Afrikaner erzählen, was die spendable Hilfsorganisation aus dem Norden wieder Gutes für sie getan hat. Artikel nach diesem Muster findet man leider immer wieder selbst in seriösen Zeitungen und Magazinen.

Das kann die Lösung nicht sein, und so ist es vom ODI natürlich auch nicht gedacht. Gebraucht wird eine Berichterstattung, die sich fair und zugleich kritisch mit den Erfolgen, Möglichkeiten, Grenzen und Fehlschlägen der Entwicklungspolitik befasst. Hier kommen die sogenannten entwicklungspolitischen Medien ins Spiel. Zeitungen und Magazine, die den Fokus auf Fragen internationaler Entwicklung richten, sind einst aus einem Defizit entstanden. Als ab den 1960er Jahren das Bewusstsein für globale Zusammenhänge und das Bedürfnis nach Informationen aus den Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas wuchs, wurden etliche Zeitschriften ins Leben gerufen, die dieses Bedürfnis befriedigen sollten. Denn in den Mainstream-Medien kamen diese Länder zu dieser Zeit kaum vor.

Heute ist die Zahl entwicklungspolitischer Medien wieder deutlich geschrumpft. Etliche Blätter wurden vor allem in den vergangen zehn bis fünfzehn Jahren wieder eingestellt. Zum Teil wurde ihnen der Geldhahn zugedreht, zum Teil haben die Leser und Leserinnen schlicht das Interesse verloren. Letzteres ist nicht zuletzt einer durchaus erfreulichen Entwicklung geschuldet, an der die entwicklungspolitischen Magazine einigen Anteil hatten: In den vergangenen Jahrzehnten haben sich die Mainstream-Medien den Entwicklungsregionen dieser Welt mehr und mehr geöffnet. Die allgemeine Berichterstattung ist heute insgesamt viel besser – wenn man mal von den regelmäßig auftauchenden geschönten Projektberichten absieht.

Neue Aufgaben

Hinzu kommt, dass die wissbegierige Leserin heute ins Internet gehen kann: Es gibt im Grunde keinen Flecken mehr auf dieser Erde, über den man sich im World Wide Web nicht schlaumachen kann. An Informationen mangelt es längst nicht mehr. Entwicklungspolitische Medien können da nicht mehr viel hinzufügen, dafür werden sie nicht mehr gebraucht. Ihre Aufgabe besteht heute darin, Orientierung zu schaffen in diesem Überangebot an Information. Sie müssen Zusammenhänge globaler Entwicklungen erklären und zeigen, was Reichtum und Armut, Krieg und Frieden, Demokratie und Diktatur in verschiedenen Regionen miteinander zu tun haben. Soll sie Lösungswege beschreiben? Ja, aber nicht mit ideologischen Scheuklappen, auf die man in entwicklungspolitischen Institutionen zuweilen trifft. Entwicklungspolitischer Journalismus muss offen sein für unterschiedliche Ansichten etwa dazu, welcher Weg zu mehr Wohlstand am meisten Erfolg verspricht.

Um gehört beziehungsweise gelesen zu werden, müssen die entwicklungspolitischen Medien außerdem den Schritt gehen, den die Mainstream-Medien in umgekehrter Richtung schon getan haben: So wie diese sich in ihrer Berichterstattung den Ländern des Südens geöffnet haben, müssen sich die entwicklungspolitischen Medien dem Rest der Welt zuwenden. Raus aus der Expertenblase und Leser und Leserinnen ansprechen, die man eventuell erst einmal davon überzeugen muss, dass globale Fragen auch sie etwas angehen.

Image: Tillmann Elliesen

Tillmann Elliesen ist Redakteur beim Magazin „welt-sichten“.

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