Afrikas Jahrhundert

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Image: Säuglingsstation
Bevölkerungsentwicklung muss kein Schreckensszenario sein

Afrikas Bevölkerung wird sich bis 2050 auf 2,5 Milliarden Menschen verdoppeln. Das sind etwa so viele Menschen, wie derzeit in China und Indien zusammen leben. Die Hälfte der Bevölkerung wird unter 25 Jahre alt sein. Damit wäre der Kontinent der jüngste der Welt. Das kann für Afrika und die Welt ein großes Risiko darstellen oder eine historische Chance – wenn die 20 führenden Industrie- und Schwellenländer zusammen mit ihren afrikanischen Partnerländern die richtigen Maßnahmen ergreifen – und zwar jetzt.

 

Bundeskanzlerin Angela Merkel scheint erkannt zu haben, dass die Gestaltung der demografischen Entwicklung Afrikas eine der großen Herausforderungen unserer Zeit ist. In ihrer Rolle als derzeitige G20-Vorsitzende hat sie das Thema der Entwicklung in Afrika ganz oben auf die Agenda gesetzt. Doch die richtige Themenwahl alleine reicht nicht. Gemeinsam mit den afrikanischen Partnern müssen auch konkrete Maßnahmen auf den Weg gebracht werden, von denen alle Beteiligten profitieren. Die Konferenz „G20 Partnerschaft mit Afrika – Investieren in eine gemeinsame Zukunft“ Anfang kommender Woche ist deswegen auch ein Lackmustest. Der Titel macht Mut, doch es wird sich zeigen, ob die G20 verstanden hat, dass jetzt politisch gestaltend und mit einer signifikanten Erhöhung der öffentlichen und privaten Investitionen auf die Bevölkerungsentwicklung Afrikas reagiert werden muss.

Die Gefahr

Geschieht dies nicht, wären die Folgen nicht nur in Afrika zu spüren. ‚Business as usual‘ hätte ernsthafte Konsequenzen für die globale Sicherheit. Bis 2035 drängen 450 Millionen Menschen auf den afrikanischen Arbeitsmarkt. Wenn diese Menschen keine Bildung, Beschäftigungsperspektiven und politischen Beteiligungsmöglichkeiten erhalten, gedeiht ein gefährlicher Nährboden für Frustration und Wut. In Gegenden, die von extremer Armut, extremem Klima und extremen Ideologien geprägt sind, sind dies beunruhigende Aussichten. Wie real diese Bedrohung ist, zeigt ein Blick auf den noch immer wütenden Bürgerkrieg in Syrien. In Folge der seit nunmehr sechs Jahren andauernden Kampfhandlungen ist über die Hälfte der syrischen Bevölkerung auf der Flucht. Politisch und ökonomisch betroffen waren und sind davon in erster Linie die Anrainerstaaten wie der Libanon, Jordanien oder die Türkei. Doch selbst in Europa haben die Auswirkungen des Bürgerkriegs politische Beben ausgelöst und den Aufstieg des Populismus in vielen Ländern begünstigt. All das unter anderem als Folge des Zusammenbruchs eines Landes mit 21 Millionen Einwohnern.

Nigeria, eine der größten Ökonomien Afrikas und mit rund 186 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Land auf dem Kontinent, ist ebenso wie Syrien ein fragiler Staat. Im Nordosten des Landes bahnt sich eine Verschärfung der ohnehin schon Besorgnis erregenden Situation an. Die Region hat mit Umweltveränderungen zu kämpfen, welche die landwirtschaftliche Produktion in der Tschadsee-Region stark beeinträchtigen. Zudem befindet sich die Gegend im Würgegriff eines militärischen Konflikts zwischen der nigerianischen Regierung und der Terrorgruppe Boko Haram, für die die weit verbreitete Armut und Perspektivlosigkeit das beste Rekrutierungsprogramm ist. Ohne humanitäres Eingreifen werden bis zum kommenden September rund fünf Millionen Menschen an Hunger leiden. Der Migrationsdruck wächst. Eine vergleichbare Situation wie in Syrien hätte weitreichende Folgen. Dabei ist Nigeria nur ein fragiles Land von vielen: 37 der weltweit 56 fragilen Staaten befinden sich in Afrika.

Die Chance

Die Bevölkerungsentwicklung in Afrika muss allerdings kein Schreckensszenario sein. Im Gegenteil: Wenn die richtigen Schritte eingeleitet werden, sowohl von den Ländern der G20 als auch den afrikanischen Staaten, kann Afrika eine sogenannte ‚demografische Dividende‘ erzielen. Davon spricht man, wenn der Anteil der Erwerbstätigen in einer Bevölkerung den Anteil derer, die von ihnen abhängig sind (vor allem Kinder und Ältere), übersteigt und sich infolgedessen das Wirtschaftswachstum beschleunigt. In nicht einmal 20 Jahren wird Afrika eine größere Erwerbsbevölkerung haben als China oder Indien. Wird diese Entwicklung mit den richtigen Investitionen begleitet und politisch unterstützt, wird aus dem Bevölkerungsboom ein Wirtschaftsboom.

Image: Weltkarte Durchschnittsalter

Insbesondere durch die Bekämpfung von Korruption, den Ausbau der Infrastruktur und dadurch, dass die Schaffung von Arbeitsplätzen ins Zentrum politischen Handelns gerückt wird, haben afrikanische Regierungen die Möglichkeit, Jobs für die 22,5 Millionen Menschen zu kreieren, die bis 2035 jährlich auf den Arbeitsmarkt drängen. Die Verdopplung der Bevölkerung muss darüber hinaus mit einer Verdopplung der Investitionen vor allem in Bildung, Beschäftigung und Beteiligung einhergehen. Diese Investitionen werden sich auszahlen: Mit ihnen kann laut dem Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) ein Zuwachs des afrikanischen Bruttoinlandsprodukts um jährlich 500 Milliarden US-Dollar erzielt werden. Dies entspricht etwa einem Drittel der bisherigen Wirtschaftsleistung aller afrikanischen Staaten.

Ein Blick auf das Konsumverhalten afrikanischer Haushalte und Unternehmen zeigt zudem: Hier entsteht ein immer größer werdender Markt. Bis 2035 wird das Volumen der konsumierten Güter einen Umfang von 5,5 Billionen US-Dollar haben. Derzeit wird allerdings ein Drittel aller Konsumgüter importiert. Durch verbesserte Produktionsbedingungen könnten afrikanische Unternehmen drei Viertel der potentiellen Nachfrage in Afrika selbst bedienen. Mit fortschreitender Industrialisierung können alleine in diesem Bereich 14 Millionen neue Jobs innerhalb der nächsten zehn Jahre geschaffen werden.

Was muss passieren?

Deutschland als Gastgeber des diesjährigen G20-Gipfels hat schon einen wichtigen Schritt getan mit seiner Forderung nach einer Partnerschaft mit Afrika. Ein wesentliches Element dieser Partnerschaft sind die sogenannten „Compacts with Africa“. Mit ihnen sollen Privatinvestitionen in afrikanischen Ländern angekurbelt werden. Bisher haben mit Marokko, Tunesien, der Elfenbeinküste, Senegal und Ruanda fünf afrikanische Staaten Interesse an dieser Initiative bekundet, die für weitere Länder offensteht. Für den Erfolg dieser Compacts ist allerdings entscheidend, dass nicht nur die wirtschaftlich starken sogenannten „Löwen“-Staaten hier einbezogen werden, sondern auch ganz gezielt fragile Staaten und die am wenigsten entwickelten Länder. So sehr „Löwen“-Staaten als Anker von Stabilität und Wohlstand in ihrer Region fungieren können, so sehr können fragile Staaten einen destabilisierenden Effekt auf ihre Nachbarländer haben – mit unabsehbaren ökonomischen und politischen Folgen. Zudem darf eine Partnerschaft mit Afrika nicht bei der Förderung von Privatinvestitionen Halt machen, sondern muss gut koordinierte Initiativen umfassen, die sich auf Bildung, Beschäftigung und Beteiligung im immer jünger werdenden Kontinent Afrika konzentrieren.

Wie wir mit der Bevölkerungsentwicklung Afrikas umgehen, entscheidet über die Zukunft Afrikas und der Welt. Nach dem krachenden Scheitern des vergangenen G7-Gipfels auf Sizilien sind nun alle Augen auf den deutschen G20-Gipfel in Hamburg gerichtet. Die Berliner „Partnership with Africa“-Konferenz kommende Woche wird zeigen, ob die führenden Nationen der Welt in der Lage sind, der Gefahr nationaler Alleingänge zu trotzen und Lösungen zu finden für die globalen Herausforderungen unserer Zeit.

Image: Stephan Exo-Kreischer

Stephan Exo-Kreischer ist Deutschland-Direktor der entwicklungspolitischen Lobby- und Kampagnenorganisation ONE, die sich für den Kampf gegen extreme Armut und vermeidbare Krankheiten einsetzt.

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