Post-Development: Entwicklungspolitik abwickeln oder anpassen?

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Image: Weltkarte auf dem Kopf stehend
Eine eurozentrische Idee

Unter dem Namen „Post-Development“ werden Entwicklungstheorie und –politik grundlegend in Frage gestellt, weil sie eurozentrisch, entpolitisierend und autoritär seien. Was könnte die Entwicklungspolitik aus dieser Kritik lernen, wenn sie sich nicht selbst abschaffen will?

 

 

Vor nunmehr einem Vierteljahrhundert erschien unter dem Titel „Wie im Westen so auf Erden“ ein Sammelband, der die Grundlagen der Entwicklungstheorie erschüttern würde. Die AutorInnen wollten die Idee der „Entwicklung“ nicht verbessern, indem sie ihre mangelhafte Umsetzung kritisierten, sondern das ganze Paradigma in Frage zu stellen. Sie riefen sogar das Ende der „Entwicklungsära“ aus und etablierten die sogenannte Post-Development Schule in der Entwicklungstheorie. Aus welchen Gründen?

„Entwicklung“ als eurozentrische Idee

Weil, so argumentieren sie, das Konzept der „Entwicklung“ auf der eurozentrischen Idee basiert, dass unsere Gesellschaft bereits entwickelt ist, und „ihre“ noch nicht. Aus diesem Grund schicken „wir“ Hilfe und Experten um „ihnen“ zu zeigen wie es gemacht wird. Differenz wird so ausschließlich als rückständige Vorstufe des Eigenen gedacht.

Das Projekt der „Entwicklung der Unterentwickelten“ war also de facto eine Fortsetzung des kolonialen Überlegenheitsdenkens, das „die Unzivilisierten zivilisieren“ wollte. Dies geschah jedoch zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt: in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Der Holocaust hatte die Idee der Rassenüberlegenheit diskreditiert, eine Entkolonialisierungswelle stand bevor und aufgrund des Kalten Krieges befürchtete der Westen, die neuen unabhängigen Staaten an das kommunistische Lager zu verlieren. So spielten politische Faktoren eine große Rolle in der von den Post-Development AutorInnen so bezeichneten „Erfindung der Unterentwicklung“. Diese führten dazu, dass Mangel an Kapital, Infrastruktur und Wissen im Süden als die Ursachen des Problems der sozialen Ungleichheit gesehen wurden – und nicht die Machtbeziehungen auf globaler, nationaler und lokaler Ebene.

Daher wurde im Entwicklungsdiskurs des Westens soziale Ungleichheit auf diesen verschiedenen Ebenen nicht als Machtfrage, sondern als technisches Problem dargestellt und so entpolitisiert. Man wollte den Armen helfen, ohne den Reichen auf die Füße zu treten. Im Hinblick auf die Armen ging die Entwicklungspolitik dabei oftmals alles andere als zimperlich vor: für Staudammprojekte im Namen der „Entwicklung“ wurden zig Millionen Menschen vertrieben oder umgesiedelt und verloren ihre Existenzgrundlage. Oft betraf dies indigene Gemeinschaften und funktionierende Subsistenzwirtschaften und auch wenn nach der Dekolonisierung die Treuhandschaft an einheimische Eliten überging: die autoritäre Annahme, besser über die Interessen der als weniger entwickelt definierten Menschen Bescheid zu wissen als sie selbst, blieb bestehen.

Eurozentrisches, entpolitisierendes und autoritäres Denken überwinden!

Wie kann die Entwicklungspolitik diese eurozentrischen und kolonialen, autoritären und entpolitisierenden Elemente vermeiden? Der Eurozentrismus der Entwicklungspolitik könnte vermieden werden, indem von der Identifikation einer guten Gesellschaft mit dem in Europa und Nordamerika vorherrschenden Modell abgerückt würde und andere Modelle einer guten Gesellschaft, auch jenseits der gängigen westlichen bzw. genauer: hegemonialen Modelle der Organisierung von Wirtschaft, Politik und Wissen, in Betracht gezogen würden. Beispiele wären kollektiver Landbesitz oder basisdemokratische Praktiken in den zapatistischen Gemeinden in Mexiko. In diesem Kontext könnten Rassismus, häusliche Gewalt, Kriminalität, Selbstmordraten, psychische Krankheiten ebenfalls als Indikatoren guter oder schlechter Gesellschaften gesehen werden, ebenso wie das subjektive Wohlbefinden der Menschen oder ihr Verhältnis zur Umwelt. Der Happy-Planet-Index oder der Gross-National-Happiness-Index sind erste Vorschläge. Kolonial ist weiterhin die implizite Annahme der geographischen Verteilung von Problemlösungswissen (Probleme im Süden, Wissen im Norden). Diese kann (diesseits einer Abschaffung der Entwicklungszusammenarbeit (EZ)) durch den Verzicht auf die Verschickung weißer EntwicklungsexpertInnen in den Süden angegangen werden oder durch die Einführung von ExpertInnen aus dem Süden, die hierzulande durch die Verbreitung von Wissen über Ubuntu, Gacaca-Gerichte, Akupunktur, Buddhismus oder Pachamama zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beitragen. Ein zaghafter erster Schritt in Richtung interkultureller Austausch kann in der Einführung einer reverse-Komponente im Weltwärts-Programm gesehen werden.

Wenn das Problem jedoch nicht nur im Eurozentrismus, sondern im autoritären Prinzip der Treuhandschaft verortet werden kann, wie die problemlose Übernahme der Konstruktion der Anderen als „weniger entwickelt“ durch nationale Eliten im Süden nahelegt, dann muss es genereller um den Abbau der Hierarchien zwischen EntwicklungsexpertInnen und Betroffenen gehen. Diesen Pfad hat die EZ eigentlich schon seit den 1980er Jahren mit dem Grundsatz der Partizipation eingeschlagen. Solange Partizipation jedoch auf die Ebene der Projektimplementierung beschränkt bleibt und nicht schon auf der Ebene der Problemdefinition ansetzt und solange die Finanztransfers von der Geber/Nehmer-Hierarchie geprägt sind, werden hehre Konzepte wie Partizipation, Ownership und Empowerment an den bestehenden Machtverhältnissen nichts Grundlegendes ändern. Ansatzpunkte für Reformen sind daher die Einführung von EZ-Gutscheinen, die bei EZ-Organisationen einzulösen sind und mehr Selbstbestimmung ermöglichen, welche Projekte und Programme von welcher Organisation die Betroffenen haben wollen, oder die Einführung von Rechenschaftsmechanismen nach dem Vorbild des Inspection Panels, das den Betroffenen eine Kontrolle der EntwicklungsexpertInnen oder zumindest eine Beschwerdemöglichkeit eröffnet.

Die Entpolitisierung sozialer Ungleichheit schließlich lässt sich vermeiden durch klares Benennen von Machtverhältnissen und politisch-ökonomischen Konflikten – und durch eine Parteinahme für die Marginalisierten, anstelle der Beschwörung einer irgendwie Allen zu Gute kommenden „Entwicklung“.

Globale Strukturpolitik

Wenn man nicht – wie ein Teil der Post-Development Schule – die einzige Perspektive in einer konvivialen Subsistenzwirtschaft sieht, muss es auch um die Veränderung weltwirtschaftlicher Strukturen, um globale Strukturpolitik gehen: um den Schuldendienst und die damit verknüpften Finanztransfers vom Süden in den Norden, der die EZ um ein Vielfaches übersteigt, um die Repatriierung von Profiten durch transnationale Konzerne, um die Steuervermeidung und die illicit financial flows, durch die Eliten Gelder auf Schweizer Konten schaffen, aber auch um die Rücküberweisungen der MigrantInnen, die sich mittlerweile ebenfalls auf die dreifache EZ-Summe belaufen. Um die aggressive Marktöffnungspolitik der OECD-Staaten (unterstützt von IWF, Weltbank und WTO) bei gleichzeitiger Subventionierung und Abschirmung der eigenen Landwirtschaft (gedeckt durch WTO-Regeln). Um Reparationen für koloniale Ausplünderung, Kriege und Völkermorde. Und ohnehin um die Beendigung der imperialen Lebensweise, die auf dem Import von billigen Rohstoffen und billiger Arbeitskraft beruht und deren Konsequenzen ausgerechnet wieder Menschen in der Peripherie am schlimmsten zu spüren bekommen – sei es durch Dürre und Wirbelstürme oder Katastrophen wie den Einsturz von Rana Plaza.

Post-Development fordert nicht die Umsetzung des 0,7%-Ziels, sondern ein Leben in Würde für alle Menschen – auf der Grundlage selbstbestimmter Vorstellungen, wie dieses genau auszusehen hat. Und unter Verzicht auf Patentrezepte der „EntwicklungsexpertInnen“.

Image: Aram Ziai

Aram Ziai ist Heisenberg-Professor für Entwicklungspolitik und Postkoloniale Studien an der Universität Kassel.

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