Welche Rolle soll künftig die technische Zusammenarbeit in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit spielen?

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Investitionen dank technischer Zusammenarbeit

Die Entwicklungszusammenarbeit (EZ) ist mit weitreichenden globalen Herausforderungen konfrontiert: Der Klimawandel, soziale Ungleichheit, die Krisenanfälligkeit der Weltwirtschaft sowie Krisen und gewaltsame Konflikte gefährden eine nachhaltige Entwicklung in einer zunehmend interdependenten Welt.

 

 

Auch die Akteurskonstellationen werden komplexer. Sie umfassen neben einer Vielzahl an verstärkt international agierenden Ressorts, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft nicht nur neue staatliche und nicht-staatliche Geber, sondern gehen auch mit einer starken Differenzierung der Partnerländer mit unterschiedlichen Erwartungen und Anforderungen einher. Länder mittleren Einkommens (Middle Income Countries, MICs) stellen die am schnellsten wachsende Ländergruppe dar, welche bereits heute 108 Länder zählt. Auf der anderen Seite wird die Anzahl fragiler Kontexte weiter steigen und bereits erzielte Entwicklungserfolge in Frage stellen.

Rolle der EZ

Öffentliche Entwicklungsleistungen (Official Development Assistance, ODA) werden auch in Zukunft insbesondere für die am wenigsten entwickelten Länder (Least Developed Countries, LDCs) eine wichtige Quelle bleiben. In immer mehr Ländern hingegen werden sie relativ an Bedeutung verlieren und neue Finanzierungsmechanismen an Relevanz gewinnen.

Nachhaltige Entwicklung kann in diesem Kontext ohne die technische Zusammenarbeit (TZ), ohne die kontinuierliche Qualifikation von Menschen, den langfristigen Aufbau von Institutionen und die erfolgreiche Organisation von gesellschaftlichen Prozessen, nicht gelingen. Die bereits 2011 in der Abschlusserklärung der Entwicklungspartnerschaft von Busan hervorgehobene Bedeutung von Kapazitätsentwicklung (Capacity Development) ist heute aktueller denn je. Um auch künftig einen substanziellen Beitrag zur Bewältigung globaler Herausforderungen leisten zu können, wird die TZ als Teil einer modernen Entwicklungszusammenarbeit kontinuierlich weiterentwickelt.

Raus aus der Nische

In der Agenda 2030 ist Armutsbekämpfung nur noch ein, wenngleich bedeutender, Teil eines weiter gefassten Zielekanons für globale nachhaltige Entwicklung. Die wachsenden Verflechtungen zwischen entwickelten und sich entwickelnden Ländern führen zu einer stärkeren Internationalisierung fast aller Politikbereiche. Nachhaltigkeit, so der Anspruch der Agenda 2030, soll zum Leitprinzip allen Handelns werden. Angesichts komplexer globaler Herausforderungen, welche nicht vor sektoralen und regionalen Grenzen haltmachen, bedarf es verstärkt gemeinsamer, sektor- und regionenübergreifender Lösungsansätze – und das gerade bei einem sich gegenwärtig vielerorts verstärkt abzeichnenden Nationalismus und Protektionismus.

Anstatt sich auf die immer kleiner werdende Zahl armer Länder zu konzentrieren, muss und kann die Entwicklungspolitik wertvolle Beiträge bei der Bearbeitung globaler Herausforderungen leisten. Längst in internationalen Zusammenhängen denkend und wirkend, ist sie innerhalb der Bundesregierung prädestiniert, auf Synergien mit anderen Politikfeldern hinzuarbeiten und globale Auswirkungen nationalen Handelns mitzudenken.

Die TZ ist heute wie morgen ein essenzieller Bestandteil des deutschen Engagements und baut mit ihrem vielfältigen Methoden- und Instrumentenschatz Brücken für eine inklusive, wirksame und erfolgreiche globale Zusammenarbeit. Neben der bewährten bi- und multilateralen Zusammenarbeit müssen künftig verstärkt Verbindungen zwischen den Ressorts sowie Akteuren aus Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft gefestigt und neue partnerschaftliche Ansätze unter Entwicklungspartnern etabliert werden. Die TZ verfügt in der Kooperation mit Partnerländern und der Begleitung internationaler Prozesse über einen immensen Erfahrungsschatz und entwickelt innovative Formate der sektorübergreifenden Zusammenarbeit (zum Beispiel Globale Initiative zum Katastrophenmanagement oder Global Leadership Academy). Die aufgebauten Netzwerke der TZ und das mit zahlreichen Partnern und Akteuren erarbeitete große Vertrauenskapital können hier eine wertvolle Basis bilden.

ODA alleine reicht nicht aus

Nicht zuletzt die Addis Abeba Aktionsagenda macht deutlich: Mit öffentlichen Entwicklungsgeldern alleine lassen sich die globalen Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals, SDGs) nicht erreichen. Die Vereinten Nationen beziffern die Lücke zwischen vorhandenem und notwendigem Finanzierungsvolumen auf mindestens 2,5 Billionen US-Dollar jährlich – und das selbst dann, wenn die angestrebte ODA-Quote von 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens in allen Geberländern erreicht werden würde. Es muss daher gelingen, zusätzliches privates Kapital in signifikantem Ausmaß in entwicklungspolitische Maßnahmen zu lenken.

Notwendig ist hierfür die Anpassung internationaler und lokaler Rahmenbedingungen. Genau darauf zielen klassische TZ-Leistungen wie die Stärkung guter Regierungsführung und die Politikberatung etwa zu Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik sowie zur Mobilisierung eigener Ressourcen ab: Mit Unterstützung der TZ kann so ein günstiges Investitionsklima entstehen, indem beispielsweise Rechtssicherheit erhöht und Risiken für private Investoren gesenkt werden.

Neben der Beförderung geeigneter Rahmenbedingungen gilt es, verstärkt private Investitionen in Partnerländern vorzubereiten bzw. zu ermöglichen, ein Thema, das auch eine große Rolle in der zukünftigen Zusammenarbeit mit Afrika spielen wird (die Africa Partnership und der Compact with Africa im G20-Kontext sowie der Marshallplan mit Afrika des BMZ). Hier ist in erheblichem Maße die TZ gefragt: Sie kann auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Projekte und Unternehmen auf ihrem Weg zur Finanzierungsreife begleiten und die notwendigen Voraussetzungen schaffen, um diese mit geeigneten Finanzierungslösungen und Investoren zu vernetzen. Insbesondere in den LDCs, die hier vor besonderen Herausforderungen stehen, verfügt die deutsche TZ über einen wertvollen Erfahrungsschatz.

One size does not fit all

Angesichts der zunehmenden Heterogenität der Partnerländer und der Vielfalt der Herausforderungen muss die TZ ein nach unterschiedlichen Kontexten und Erwartungshaltungen ausdifferenziertes Leistungsangebot bieten. Die TZ stellt sich darauf ein und verfügt neben der ‚klassischen‘ bilateralen TZ, welche aufgrund der wachsenden Konzentration auf die Arbeit in fragilen Kontexten und im Rahmen globaler Agenden und Netzwerke an relativer Bedeutung verlieren wird, über vielfältige Lösungsansätze (zum Beispiel Langzeitberatung, Dialogformate, Kurzzeitberatung, Trainingskurse u.v.m.).

In einer zunehmend multipolaren Welt graduieren immer mehr Staaten vom Niedrigeinkommens- zum Schwellenland und immer mehr vom Schwellen- zum Industrieland. Die Liste der ODA-Empfängerländer wird zunehmend kürzer. Laut OECD-Prognose werden sich 28 Länder mit einer Bevölkerung von 2 Mrd. Menschen weniger auf dieser Liste bis zum Jahr 2030 finden. Eine Zusammenarbeit mit Hauptaugenmerk auf Armutsbekämpfung wird es nur noch mit wenigen, häufig fragilen Staaten geben. Angesichts der oft prekären Sicherheitslage kann in manchen Fällen Fernsteuerung unter Einbeziehung der vor Ort ansässigen Zivilgesellschaft eine Lösung für die TZ darstellen.

Viele der früheren Entwicklungsländer treten heute als selbstbewusste Schwellenländer auf. Deren zunehmenden Gestaltungswillen und deren Bedeutung für das globale Gemeinwohl setzt die TZ beispielsweise in Dreieckskooperationen (DEK) in Wert: Wissen und komplementäre Erfahrungen sowie menschliche, institutionelle und finanzielle Ressourcen ‚neuer‘ und ‚traditioneller‘ Geber werden zugunsten eines Drittlandes gebündelt und neue Perspektiven für den politischen Dialog geschaffen.

Die Agenda 2030 betont die Bedeutung neuer globaler Partnerschaften und Programme, die für eine gemeinsame Verantwortung für das globale Gemeinwohl und ein anderes Partnerschaftsverständnis stehen. Diese werden vor allem in Form von Multi-Akteurs-Ansätzen zwischen Akteuren aus Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft realisiert, die auf Wissensaustausch und gegenseitiges Lernen, gemeinsame Standardsetzung oder die Mitgestaltung politischer Agenden abzielen. Die Förderung der Allianzenbildung, die aktive Mitgestaltung von Netzwerken und die Befähigung von Partnern zur Teilnahme an Austauschformaten zählen zu den zunehmend nachgefragten Leistungen der TZ. Neben Fazilitierungs- und Sekretariatsfunktionen übernimmt die deutsche TZ zum Teil auch die Unterstützung der Umsetzung von in Netzwerken entwickelten Ansätzen.

Schöne neue Welt?

Der Welt stehen neue zentrale Trends bevor, deren Ausmaße und Auswirkungen wir heute zum Teil nur erahnen können. Rasante Urbanisierung, fortschreitender demographischer Wandel, Automatisierung und Digitalisierung sind nur einige von vielen Beispielen. Die TZ hat über ihren kontinuierlichen Beitrag zur Bewältigung der heutigen globalen Herausforderungen und die Weiterentwicklung ihrer Ansätze gezeigt, dass sie eine wichtige Rolle dabei spielen kann, die negativen Auswirkungen solch neu aufkommender Trends auf Entwicklungsländer abzufedern sowie deren entwicklungspolitischen Potenziale zu nutzen.

Damit die deutsche TZ auch weiterhin ihrer Rolle gerecht werden kann, ist sie auf Flexibilität, Gestaltungsmöglichkeiten im Rahmen der Auftragsverfahren, Budgetallokation, innovative Modalitäten und Allianzen sowie exzellente Kooperation mit den Partnern vor Ort angewiesen.

Image: Cornelia Richter

Cornelia Richter ist Mitglied des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH

2 Gedanken zu „Welche Rolle soll künftig die technische Zusammenarbeit in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit spielen?

    […] von Interesse. Bei der Diagnostik, Entwicklung und Umsetzung einer solchen Strategie kann die TZ eine wichtige Rolle spielen. Und die FZ kann über die Budgethilfe solche gesamtstaatlichen […]

    Ralf Schröder said:
    12. April 2017 um 21:31

    Ein sehr interesssanter Beitrag zur Debatte um die Zukunft der EZ. Die grundlegende Botschaft – die TZ war früher wichtig und wird es auch in einer komplexeren Zukunft sein – mag ja richtig sein, Man möchte als Leser aber gern mehr wissen dazu, warum dies so ist. What has worked, what didn’t and why (?) könnten auch Leitfragen für notwendige Selbst-Reflektion über die TZ der Zukunft sein, leider lesen wir dazu nichts. Vielleicht erfahren wir dies in einem Folge-Artikel?

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